Eine Woche voller Goodbyes

Kaum zu glauben, dass so viel Zeit inzwischen schon vergangen ist. Meine Liste von all den Orten, die zu besichtigen und zu besuchen sind, ist noch längst nicht abgearbeitet... aber von Ferne scheinen 8 Monate mehr Zeit zu haben, als eigentlich drin ist. Und so sagt man, "aaaaach, das mache ich dann in der nächsten Woche", und dann kommt was dazwischen oder man macht andere Pläne, weil man ja doch lieber mit anderen unterwegs ist als nur allein, und so wird daraus ein Kreislauf, dem man nicht entrinnen kann, bis man plötzlich eines morgens aufwacht und feststellt: "Shoot... There's just no time for that anymore."
Und so versucht man dann verzweifelt die letzten verbleibenden Tage vollzustopfen mit all den Dingen, die man noch sehen und tun und erleben wollte, aber irgendwie ist da ja auch noch die Sache mit dem Packen und ein Blick durch den Raum treibt einem die Schweißperlen auf die Stirn - sowohl vom Gedanken an all die Arbeit, die da noch kommt als auch vom Gedanken an den bloßen Umstand, dass man diesen Ort, an dem man für 8 Monate zu Hause gewesen ist, in nicht einmal sieben Tagen verlässt. Da sind alle Probleme, alle negativen Seiten plötzlich irrelevant, denn jetzt zählt nur ein großes inneres Dilemma: Ich freue mich so sehr auf die Heimkehr, aber ich hatte so viel Zeit diesen Ort und die Menschen, die dazugehören, kennenzulernen - wie kann man da einfach so packen und gehen?
Und dann sieht man ein: Das wird nicht leicht. Und streicht ein bis zwei Punkte, die man in den nächsten Tagen notgeplant hat. Es wird dauern, sich von hier zu trennen.
Für mich war dieser Morgen der Realisierung heute, nachdem ich mich so viel verabschiedet habe, ohne es richtig mitzubekommen...

Die Abschiede haben schon vor zwei Wochen begonnen. Die Zwölften, meine Lieblingseinzelschüler, hatten ihren letzten Schultag und überraschten mich mit Blumen (die in der Küche immer noch super aussehen), Pralinen und einer Karte. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes zu Tränen gerührt.


(Von den Schülerinnen der Lower 6)

Nur eine Woche später verabschiedeten wir uns von unseren Dreizehntklässlern und gingen zur "Leaver's Night" in die Schule. Die Mädchen, die nach ihren Prüfungen die Schule verlassen, waren alle schick gemacht und der Abschied von ihnen wurde angemessen begangen. In einer wirklich amüsanten und anrührenden Rede wurde zu jedem Mädchen etwas gesagt, etwas über ihre Eigenschaften, ihre Vergangenheit an der Schule und ihre Zukunftspläne. Selbst wenn wir uns manchmal flüsternd fragten : "Kennst du die?", und eine geflüsterte Antwort (meistens "Nein") zurückbekamen. Der Abend wurde mit viel gutem Essen und Wein beendet - und irgendwie hat es sich auch ein bisschen wie ein Abschied für uns angefühlt.


(Zur Leaver's Night, im Lehrerzimmer)

Aber wir hatten noch eine Woche Schule. Eine Woche, um Materialien zu sortieren, Dateien zu löschen und zu ordnen, Bibliotheksbücher auszulesen und zurückzugeben.
Am Mittwoch tickte dann die Uhr lauter. Mit unserer kleinen internationalen Ersatzfamilie ging es zum letzten gemeinsamen Abendessen in die Stadt, wo wir wieder mal viel Spaß hatten und die Zeit viel zu schnell verging.


(Abschied auch beim Backen)

Der letzte Schultag, ein Donnerstag. Es wird sehr merkwürdig sein, nicht mehr jeden Tag durchs Tor zu gehen, den PIN einzugeben damit sich die Tür mit dem so vertrauten Summen öffnet, ein fröhliches "Good morning" an der Rezeption, einschreiben, ein fröhliches "Good morning" im Lehrerzimmer...
Wir hatten uns geeinigt, als Dankeschön an die Kuchentradition im Lehrerzimmer anzuknüpfen. So gab es neben Micheles Geburtstagskuchen (Red Velvet und Karotte) 'French croissants' (von TESCO), 'Spanish Omelette' and 'German crumble cake' (nach Originalrezept von daheim). Was für ein Schlemmen... Und dann überraschte mich die Lower 5 (Klassenstufe 10) mit einem selbstgebackenen Dankeschön-Kuchen. Wie konnte ich da ablehnen?
Das war der erste Tag in dieser ganzen Zeit, an dem ich zum Mittagessen in der Schule nur einen halben Teller Salat hatte.


(Die Hälfte des Essens im Lehrerzimmer...)

Viele der Lehrer wussten gar nicht, dass unsere Zeit schon um ist oder waren genauso überrascht wie wir. Und viele fragten unglaublich "You're not leaving for good, are you?" Zurück kam ein immer resignierteres "Well, we actually are".
Beim Mittagessen erzählten wir dann unsere Zukunftspläne zum ungefähr dreiunvierzigsten Mal.
Von allen kam ein "We will miss you", das bei manchen sogar sehr aufrichtig klang und nicht nur wie eine dieser typisch englischen Höflichkeitsfloskeln.
Ich hatte kleine Dankeskärtchen mit und habe mich von allen verabschiedet, die uns wichtig waren - dem Leiter der Musikabteilung, der Bibliothekarin, der Rezeptionistin, der netten Lehrerin die uns Geschirr geliehen hatte...
Und so blieb am Ende des Tages nur, den Blick ein letztes Mal durch das Lehrerzimmer schweifen zu lassen, das inzwischen zu unserem zweiten Wohnzimmer geworden ist, sich austragen... und gehen.
Es ist einfach, sich zu verabschieden, wenn man noch nicht richtig realisiert hat, dass man wirklich geht.

Ein letzter gemeinsamer Frappuccino bei Starbucks mit Damien, dann waren wir zum Abendessen mit den Sprachenlehrern eingeladen. Ein unglaublich witziger, gemütlicher und kurzweiliger Abend, nicht nur wegen des guten Essens, sondern auch wegen den Lehrern selbst. Ich glaube, die werde ich doch mit am meisten vermissen.

Zeit vergeht immer schneller, als einem lieb ist. Umarmungen, Abschiede, Versprechen, in Kontakt zu bleiben... Teestunde bei Ophelie, und dann auch dort ein Abschied - der bis dahin schwerste. Weil Ophelie am Freitag morgen zeitig nach Frankreich fährt, sehe ich sie nicht noch einmal. Sie verbringt zwar den Sommer hier, kommt aber von zu Hause erst wieder, wenn ich schon weg bin. Eine kleine Träne muss ich mir jetzt schon verkneifen. Immerhin geht jetzt der erste Teil meiner Ersatzfamilie...


(Im "Great Northern" - die drei Assistentinnen)

GOODBYE, OPHELIE!!!


(Auf zur Leaver's Night. Goodbyes are everywhere.)

Mehr Abschiede kommen noch. Und leichter werden sie alle nicht.

23.5.14 10:24

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